Demenzkranke Menschen und ihre Angehörigen

“Kommt eine Demenz plötzlich?” fragte mich die Tochter einer demenzkranken Patientin im Krankenhaus. “Meine Mutter kann doch nicht dement sein, die war doch zuhause noch selbständig, hat alles noch alleine gemacht, gekocht und den Haushalt hingekriegt und auf Körperpflege und Aussehen hat sie immer viel Wert gelegt. Jede Woche einmal habe ich von München aus angerufen und alle 4 Wochen konnte ich am Wochenende einen Tag bei ihr sein. Aber Defizite sind mir nie aufgefallen. Erst hier im Krankenhaus hieß es, man habe bei meiner Mutter eine dementielle Entwicklung festgestellt. Ich kann es immer noch nicht glauben.”

Angehörige von demenzkranken Menschen nehmen die Defizite ihrer Familienangehörigen häufig nicht wahr. Manche wollen es auch nicht wahrhaben. Woran liegt das? Demenzkranke Menschen zeigen gerade zu Beginn der Krankheit eine gute Fassade. Sie haben Strategien, ihre Defizite zu überspielen, auch um ihre Würde und ihren Stolz zu bewahren. So legen sie sich z.B. mit Straßenkleidung ins Bett, dann sind sie morgens auch wieder richtig angezogen. Die Tochter ruft an und fragt: “Mama, hast Du Dir heute schon was Feines gekocht?” Und die Antwort der Mutter lautet: “Ja, ich koche mir heute eine Kartoffelsuppe.” Und vielleicht ist das ja auch ihre Absicht. “Mutter, hast Du auch Deine Medikamente eingenommen?” “Ja!”

Sicherlich kommt die Mutter in ihrer vertrauten Wohnung noch einigermaßen zurecht, aber sie hat vielleicht den Überblick über komplexe Sachen verloren. Dieser Überblick geht Menschen mit Demenz allmählich verloren. Was ist das, eine komplexe Sache?: Kartoffeln einkaufen, schälen, mit Wasser aufsetzen, salzen, die richtige Einstellung des Elektro- oder Gasherdes und die Zeit abzuwarten, bis die Kartoffeln gar sind. Vorausdenken, planen und durchführen! Sich ihre Tabletten zu richten und zur richtigen Uhrzeit einzunehmen. Regelmäßig zu trinken und zu essen. Die Kaffeemaschine mit Wasser zu befüllen, Filter und Kaffee dazuzugeben, den Stecker einstecken und die Maschine anzumachen.

Ruft die Tochter an, will die Mutter ihre Schwächen nicht zugeben, oder verdrängt dies auch. Auch beim kurzen Aufenthalt der Tochter findet sie Strategien ihre Defizite zu überspielen. “Koch Du heute doch mal, Sandra!” ” oder: “Der Kaffee schmeckt mir nicht mehr so gut.”

Es folgt ein schlechter Allgemeinzustand, durch mangelnde Ernährung, zu wenig Flüssigkeit, unregelmäßige oder falsche Tabletteneinnahme – Stürze sind vorprogrammiert. Die Mutter wird ins Krankenhaus eingeliefert. Hier ist sie völlig überfordert. Veränderte, fremde Umgebung, veränderte Abläufe, unbekannte Menschen, Nichtverstehen von Anweisungen und Visiten.

Gerade Angehörige wie z.B. Kinder, die nicht im Haus mitwohnen, sondern in einer anderen Stadt, werden dann schlagartig mit der Krankheit konfrontiert. “Was ist jetzt mit meiner Mutter? So kann ich meine Mutter doch nicht nach Hause nehmen. Wie geht es weiter?” Der Sozialdienst wird eingeschaltet. Vielleicht wird eine REHA oder eine Kurzzeitpflege gesucht, im schlimmsten Fall für die Patientin ein Altenheim. Es muss traumatisch sein, sowohl für die demenzkranke Patientin, als auch für ihre Angehörigen, ihre Mutter in diesem hilflosen Zustand zu sehen und selbst auch nicht mehr weiter zu wissen. Ängste und ein schlechtes Gewissen bleiben.

Umso wichtiger, und das sehe ich auch als einen Schwerpunkt pflegerischer Arbeit im stationären Bereich bei demenzkranken Menschen und ihren Angehörigen, ist das Gespräch der Pflegefachkräfte im Kontakt mit den Angehörigen. Angehörige im Gespräch zu entlasten, ihnen zuzuhören, ihre Nöte und Bedenken zu verstehen, ihre Tränen auszuhalten, ihre Überforderung und das schlechte Gewissen wahrzunehmen. Wir sollten Angehörige mit einbeziehen, sie informieren, auch über Angehörigengruppen, Hilfsdienste, Informationsbroschüren und Entlastungsmöglichkeiten. Das sehe ich auch als pflegerische Arbeit an und als ganzheitliche Pflege, weil die Pflegefachkräfte hier viel näher dran sind. Über eine pflegerische Angehörigenvisite sollte man nachdenken.

Allerdings müssten auch die Rahmenbedingungen im Allgemeinkrankenhaus hierfür geschaffen werden. Es fehlt nicht nur an Räumen, sondern auch an der Zeit.

Astrid Krächan

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