Beschäftigung für Demenzkranke

Von Rudolf Kirsch
Stationsleitung der Pflege
Neurologische Klinik am CaritasKlinikum Saarbrücken

Menschen, die an einer Demenz erkrankt sind, sind oft nicht mehr in der Lage eine Beschäftigung aufzunehmen bzw. diese ohne Hilfe durchzuführen, Noch vorhandene Fähigkeiten werden nicht genutzt und verkümmern.
Betätigung ist eines der 5 psychischen Grundbedürfnisse von Menschen (Tom Kitwood, 2000). Neben Bindung, Einbeziehung, Trost und Identität ist Beschäftigung existentiell wichtig für eine Person. Beschäftigung führt zu erhöhtem Selbstwertgefühl  und Wohlbefinden. Wer beschäftigt ist, erlebt sich als aktive, handelnde Person, die aktiv Einfluss auf ihre Umwelt nehmen kann. Das Gegenteil von Beschäftigung ist Untätigsein, Langeweile und Apathie.

Ziele von Beschäftigung

  • Der Betroffene soll entsprechend seinen Vorlieben gefordert aber nicht überfordert werden
  • Beweglichkeit und Mobilität soll erhalten bleiben
  • Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit
  • Verlängerte Selbstständigkeit bei der Verrichtung von Alltagsaktivitäten
  • Verminderung von Aggression, Angst, Unruhe, Apathie und sozialem Rückzug
  • Anregung von Interessen und Anteilnahme an der Umgebung.
  • Individuelle Fähigkeiten erhalten, fördern und anwenden
  • Den Alltag  strukturieren und  gestalten
  • Das Wohlbefinden  fördern
  • Halt, Sicherheit und Sinn erleben

Beschäftigung trägt also entscheidend dazu bei die Lebensqualität Demenzkranker zu erhalten und zu steigern.

Die Möglichkeiten Demenzkranke zu beschäftigen sind vielfältig. Beispiele für Beschäftigungsangebote sind Gedächtnistraining, Bewegungsspiele, Erzählen, Singen, Tanzen, hauswirtschaftliche Tätigkeiten usw. Bei der Wahl des Angebots sollten die Vorlieben der Menschen mit Demenz berücksichtigt werden. Um ein geeignetes Angebot machen zu können, sind biografische Kenntnisse hilfreich. Dinge und Tätigkeiten, die ein Demenzkranker vor seiner Erkrankung gerne gemacht hat, macht er in der Regel auch mit der Erkrankung noch gerne. Beschäftigungen, die einen sein Leben lang begleitet haben, sind fest im Langzeitgedächtnis verankert. Sie sind noch lange abrufbar und vermitteln ein Gefühl von Sicherheit und Kompetenz. Wichtig ist den Demenzkranken nicht zu überfordern. Er soll bei der Beschäftigung Erfolgserlebnisse haben und kein Scheitern und Nicht-Können erleben. Wenn eine Beschäftigung für den Erkrankten kein Erfolgserlebnis vermittelt, ist es das falsche Angebot. Von Seiten der Betreuer bedarf es an Beobachtungsgabe und  Fingerspitzengefühl, benötigte Hilfen so zu geben, dass der Betroffene nicht das Gefühl hat ihm wird alles aus der Hand genommen.
Ein Beschäftigungsangebot sollte nicht zu lange dauern. Demenzkranke können sich nur für einen kurzen Zeitraum konzentrieren und ermüden schnell. Ausreichende Ruhepausen sind wichtig. Lieber mehrere kurze Angebote als ein zu langes Angebot.

Regeln für Beschäftigungsangebote

  • orientieren Sie sich an der Biografie / Langzeitgedächtnis
  • berücksichtigen Sie Gewohnheiten und Vorlieben
  • schon allein das Erzählen über Früher ist eine Beschäftigung
  • verabschieden Sie sich von Ihrer persönlichen Vorstellung von „sinnvoll“
  • geben Sie dem Demenzkranken ausreichend Gelegenheit sich zu bewegen
  • regen Sie die Sinne an
  • zwei Königswege sind Musik und Berührung
  • auf das richtige Maß kommt es an
  • orientieren Sie sich an vorhandenen Kompetenzen
  • Tagesform des Erkrankten beachten!
  • Das augenblickliche Leistungsvermögen der Teilnehmer ist Grundlage der Beschäftigung. Es soll nichts Neues gelernt werden

Was verloren ist, bleibt verloren! Was an Kompetenzen noch vorhanden ist, soll angeregt werden!

Gruppenangebote sollen Entspannung, Spaß, Freude und Ablenkung vermitteln, hier soll Gemeinschaft und Geselligkeit erfahren werden. Musik, Singen, gemeinsames Bewegen und vor allem Humor lassen eine positive Stimmung aufkommen.

Musik begleitet uns durch unser Leben. Lieder erinnern uns an glückliche und traurige Momente. Sie berühren etwas in uns, öffnen unsere Herzen. Musik will dem Menschen Ausdrucksmöglichkeiten für Gefühle und Stimmungen geben, kann beruhigen, die Aufmerksamkeit fördern, ein Gruppenerlebnis schaffen und somit zur sozialen Integration beitragen. Durch das gemeinsame Singen bekannter Lieder werden Erinnerungen geweckt und Kontakte gefördert .Zugehörigkeitsgefühle und Freude wird aktiv erlebt und die kulturelle Identität gestärkt. Musik ist bei vielen älteren Menschen ein  wichtiger Bestandteil ihrer Biografie. Besonders in der Arbeit mit Demenzkranken erleben wir die Wirkung die Musik entfalten kann. Die Texte sind trotz Demenz noch präsent .Das Vertraute wirkt bei vielen Demenzkranken stabilisierend.

Mobilität erhalten. Demenzkranke neigen zum sozialen Rückzug und zur körperlichen Versteifung. Gymnastik und eine konsequente und kontinuierliche Anleitung zur Mobilität sind deshalb für sie besonders wichtig.

Bei der Basalen Stimulation werden die Sinne gezielt angesprochen und aktiviert.

  • die Lagewahrnehmung durch Veränderung der Sitzposition, Bewegung usw.
  • die Hautwahrnehmung durch Massagen, Berührungen, Einreibungen, usw.
  • Riechen und Schmecken durch aromatische Öle, Seifen, Parfüms, Kräuter, usw.
  • Hören durch vertraute Geräusche, Töne. Lieder, Klänge, usw.
  • Sehen durch das Arbeiten mit Bildern, Farben, Gegenständen, usw.

Besonders zu betonen ist hier der gezielte, geplante, kurzfristige Einsatz. Eine Dauerberieselung führt zu Gewöhnung und Überforderung.

Spiele funktionieren nach festen Regeln, besitzen eine klare Struktur und fördern die Geselligkeit. Sie machen Spaß. Beim Spielen und bei spielerischer Herangehensweise gelingt es vielfach Demenzkranke aus Zuständen von Unruhe, Ängstlichkeit, Isolation und Vor-sich-Hindämmern herauszuholen. Es gibt neben dem klassischen Mensch-ärgere-Dich-nicht inzwischen eine Reihe demenzgerechter Spiele. Sie sind auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten von Demenzkranken zugeschnitten. Demenzgerechte Spiele enthalten vielfältige Anregungen zum Singen, Rätseln und Erzählen.

„Wer rastet der rostet“, was für den Körper gilt, gilt auch für das Gehirn. Gedächtnistraining verfolgt viele Ziele, wie beispielsweise die Förderung der Merkfähigkeit, Konzentration, Wahrnehmung sowie die  Stärkung der Wortfindung. Bei fortschreitender Demenz stehen die Stärkung der noch vorhandenen Fähigkeiten, das Erleben von Wertschätzung in der Gruppe, das Erhalten der Kommunikationsfähigkeit und die Stärkung der Identität im Vordergrund.

Die 10 Minuten Aktivierung nach Ute Schmidt-Hackenberg ist eine speziell für Demenzkranke entwickelte Methode zur Aktivierung. Durch den Einsatz verschiedener Materialien gibt die Betreuungskraft  dem Demenzkranken einen Schlüsselreiz, der Erinnerungen aus dem Langzeitgedächtnis wecken und zu Gesprächen anregen soll. Zuerst werden alltägliche Materialien zusammengetragen und nach Themen geordnet. Die Materialien werden in Kartons geordnet, die nach Thema beschriftet werden. Jedem Karton wird außerdem eine  Gebrauchsanweisung beigelegt. Auf dieser befinden sich Vorschläge mit Beispielfragen, Gesprächsanregungen, leichte Gymnastikübungen, Lieder, Gedichte, Rätsel und Sprichworte, Diese Anleitung verschafft der durchführenden Betreuungskraft einen schnellen Einstieg ins Thema ohne sich selber lange und aufwändig vorbereiten zu müssen.

Helfende Fragen bei der Entwicklung von Angeboten:

  • Entspricht das Angebot den Fähigkeiten der Person, sodass sie zum Erfolg kommen kann?
  • Kann sich die Person entsprechend ihrer Fähigkeiten auf die Aufgabe konzentrieren oder wird sie abgelenkt?
  • Hat das Angebot ein Ziel und versteht die Person dieses auch?
  • Erhält die Person eine positive Rückmeldung über ihr Tun?
  • Geht die Person in dem Angebot auf oder langweilt sie sich?
  • Kann die Person die Situation beherrschen?

Quellen:
-    Mal-alt-werden.de
-    Deutsche Alzheimer Gesellschaft, Selbsthilfe Demenz, Informationsblätter
-    Altenpflege, Spezial, Was sie wissen müssen: Demenz
-    Altenpflege, Heft 5/2012, Gedächtnistraining

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