Das schwarze Loch

Das "schwarze Loch" auf Station 17

Dieser schwarze Kreis hindert Patienten mit Demenz am Verlassen der Station.

 

- Von Franz-Rudolf Kirsch, Stationsleitung Neurologie des CaritasKlinikums Saarbrücken -

Wer die Station 17, eine neurologische Station, betritt, steht vor einem großen, auf den Fußboden geklebten schwarzen Kreis. Jeder fragt sich:

Was soll das? Welche Funktion hat das?

Auf einer neurologischen Station werden vielfältige Krankheitsbilder behandelt. Eines davon ist das Krankheitsbild der Demenz. Wurden vor einigen Jahren noch wenige Demenzpatienten versorgt, so steigt deren Zahl stetig an. Zur Zeit liegt der Anteil von Patienten mit Demenz bei ca. 15%. Demenz führt zu einem Verlust geistiger Leistungsfähigkeit, und dies oftmals so stark, dass es zu erheblichen Beeinträchtigungen im täglichen Leben kommt. Hierbei handelt es sich um:

-         Gedächtnisstörungen

-         Störungen des Denk- und Urteilsvermögens

-         Orientierungsstörungen

-         Benennstörungen

-         Andere Sprachstörungen

-         Störungen bei Bewegungen und Handlungen

-         Lese- Schreib und Rechenstörungen

-         Antriebs- und Aufmerksamkeitsstörungen

-         Verhaltsstörungen im Alltag

-         Schlafstörungen

-         Veränderungen der Persönlichkeit

-         Depressionen und Angst

-         Sinnestäuschungen sowie Zwangs- und Wahnvorstellungen

-         Misstrauen, Aggressionen und andere psychische Krankheitszeichen

-         Große motorische Unruhe

Die Versorgung dieser Patienten stellt das Personal vor besondere Herausforderungen. Eine davon ist der hohe Bewegungsdrang einiger demenzkranker Patienten. Sie verlassen immer wieder ihr Zimmer, laufen orientierungslos über die Station und versuchen diese immer wieder zu verlassen.

Für uns stellte sich nun die Frage: Was können wir tun, um ein Weglaufen dieser Patienten zu verhindern? Die Patienten zu fixieren war für uns keine Alternative. Wir wollten motorisch unruhigen Patienten die Möglichkeit geben, ungehindert auf der Station laufen zu können. Das Hin- und Herlaufen baut Unruhe und Ängste ab. Also ist es für unruhige Patienten wichtig laufen zu können.

Wir machten uns also einen besonderen Umstand der Demenz zu Nutze. Im Verlauf einer Demenzerkrankung verändert sich die Wahrnehmung des Betroffenen. Das betrifft die Wahrnehmung der Umgebung, von Farben, Licht und Schatten. Dunkle Farben wirken bedrohlich, ein dunkler Abschnitt im sonst hellen Bodenbelag wird vom Gehirn als unüberwindliche Barriere gedeutet, als Loch, in das man hineinfallen kann. Helle Bodenbeläge verbindet das Gehirn hingegen instinktiv mit einem sicheren Untergrund.

Wir klebten also einen großen schwarzen Kreis aus dünner Folie vor die Stationstür. Dieses „schwarze Loch“ klebt jetzt bereits 7 Jahre vor der Tür. Wir haben in dieser Zeit die Erfahrung gemacht, dass demenzkranke Patienten die Station nicht mehr bzw. nur noch selten verlassen. Sie gehen bis an das „schwarze Loch“, bleiben stehen, drehen sich um und gehen in der anderen Richtung weiter. Keiner hat versucht, das vermeintliche Loch zu überschreiten.

Dies zeigt, dass mit einfachen Mitteln eine sanfte Möglichkeit geschaffen werden konnte, Demenzpatienten am Weglaufen von der Station zu hindern.

5 Kommentare

  1. Renate kett
    14. Januar 2013 — 13:55

    Sicherlich eine sanfte Methode. Vom Gefühl her widerstrebt es mir allerdings – grundsätzlich im Umgang mit Patienten oder Mitmenschen – mit Ängsten zu arbeiten.
    Ist es das schwarze Loch das kleinere Übel oder wirklich eine gute Sache ?

    • riffland
      14. Januar 2013 — 14:52

      Sehr geehrte Frau Kett,

      vielen Dank für Ihren Kommentar.

      Grundsätzlich haben Sie sicher Recht mit Ihrer Anmerkung. Sicherlich wäre es schöner und angenehmer für jeden Patienten mit Demenz, eine 1-zu-1-Betreuung zu haben – ebenso wie für die Mitarbeitenden der Station. Dies ist aber leider in der heutigen Zeit nicht in der Praxis umzusetzen.

      Es geht uns in diesem Blog auch darum, ganz praktische Hilfestellungen für den pflegerischen Alltag zu geben und da bin ich durchaus der Meinung, dass diese Variante eine gute Alternative zur Fixierung ist – oder auch zu demenzkranken Menschen, die in Angst in einem riesigen Krankenhaus umherirren und dieses im schlimmsten Falle verlassen und draußen “verloren gehen”.

  2. Franz-Rudolf Kirsch
    15. Januar 2013 — 09:19

    Hallo Frau klett,
    sicher wäre uns eine 1 – zu 1 Betreuung lieber aber dies ist leider nicht leistbar.
    Nun zu ihrer Anmerkung. Die Wahrnehmung demenzkranker Menschen ist stark verändert. Sie nehmen den dunklen Untergrund als Barriere wahr und gehen in eine andere Richtung. Ängste die evtentuell wahrgenommen werden, werden aber im Kurzzeitgedächtnis nicht mehr abgespeichert und sind somit sofort wieder vergessen.

  3. Gust
    17. November 2014 — 08:25

    Guten Tag.
    Ich betrachte das ganz und gar nicht als “sanfte Methode”. Vielmehr ist es ein Arbeiten mit Angst. Man macht hier Menschen Angst, in ein Loch zufallen. Ich glaube, dass wir im Gesundheitswesen uns insbesondere in der Arbeit mit Menschen mit Demenz solche “Maßnahmen” eigentlich schon längst überwunden haben sollten. In Schulungen zum Thema Hin- und Weglauftendenz ist es auch üblich, dass die “schwarze-Loch-Lösung” – vorsichtig gesprochen – sehr kritisch beleuchtet wird. Menschen mit Demenz und dem Ortswechsel ins Krankenhaus sind häufig desorientiert und verängstigt genug. Das sollte man nicht verstärken, in dem man ihnen Angst macht. Geschulte Mitarbeiter können lernen, mit einer Hinlauftendenz umzugehen. Türen kann man optisch aus dem Blickfeld nehmen – und eine große Bandbreite an technischen Lösungen steht ebenfalls bereits, so dass kein desorientierter Patient unbemerkt die Station verlassen kann.
    Es ist auch nicht richtig, dass Ängste die wahrgenommen werden sofort wieder vergessen werden. Bei einer solchen Aussage wird “übersehen”, dass es nicht um die intellektuelle Wiedergabe eines Gefühls geht beim Thema Angst.
    Das schwarze Loch ist vielleicht eine billige Lösung – angemessen ist es keineswegs.
    Abgesehen davon – m.W. beachtet ein guter Teil der Patienten das schwarze Loch überhaupt nicht, es ist allenfalls bei einigen wirksam. Wie ist es eigentlich, wenn die Patienten die Station verlassen müssen – z.B. wegen einer Untersuchung? Oder wenn die Angehörigen mit ihnen spazieren gehen möchten? Zerrt man dann an der alten Dame, die Angst hat die “Barrier” zu überwinden und macht ihr hüpfender Weise klar, dass da in Wirklichkeit kein Loch ist? Verwirrt nicht die Verwirrten….. .

    Mit freundlichen Grüßen

    Jochen Gust

  4. riffland
    21. November 2014 — 13:12

    Sehr geehrter Herr Gust,

    herzlichen Dank für Ihren Kommentar.

    Wie Sie dem Artikel entnehmen können, wurde der Kreis vor fast 9 Jahren aufgeklebt. Damals hatten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gesundheitswesen noch nicht die Erkenntnis und Erfahrung mit an Demenz erkrankten Menschen, die sie mittlerweile haben.

    Mit freundlichen Grüßen
    Renate Iffland

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